2017-02-23 1530 - Bettelordnung, Betteln, Bettelzeichen, Bettelerlaubnis, Bedürftigkeit, Beichtvater, Absolution, Geborsten, Schwangere, Wöchnerinnen, Schüler, Bettelmeister, berufsmäßige Bettler, Bettelknechte - in München-Geschichte


1530

Der Rat der Stadt ändert die bestehende „Bettelordnung“

München * Der Rat der Stadt ändert die schon länger bestehende „Bettelordnung“.

Sie verbietet allen „Bürgern und Gästen beiderlei Geschlechts“ das „Betteln“ und gestattet es nur denjenigen, die vom „Rat“ die ausdrückliche Erlaubnis dazu haben.
Diese drückt sich eben im Tragen des „Bettelzeichens“ aus.

Zur Erteilung der „Bettelerlaubnis“ muss aber zuvor die „Bedürftigkeit“ nachgewiesen werden.

  • Dazu gehört neben der Darlegung des Personenstandes, der Kinderzahl und der Vermögensverhältnisse,
  • die Bestätigung des „Beichtvaters“, dass der Antragsteller im vergangenen Jahr mindestens einmal gebeichtet und die „Absolution“ erhalten hat.

Der „Hausbettel“ ist nach der „Bettelordnung“ strengstens verboten.
Hauptsächlich vor den Kirchentüren, nicht aber im Kircheninneren ist das „Betteln“ erlaubt.

  • Missgestaltete, behinderte Bettler müssen ihre „Gebersten“ bedecken, damit „schwangere Frauen“ durch den Anblick „nicht Schaden nehmen“.
  • Es dürfen auch keine „gemalten Bilder, wunderliche Tiere und sonstige Schaustücke“ gezeigt werden.
  • Lediglich Singen ist ihnen gestattet.
  • Den Schülern ist das „Betteln“ nur dann zu genehmigen, wenn sie in der Schule „fleißig und gehorsam“ waren und für bettelnde „Wöchnerinnen“ werden gesonderte Zeichen bereitgehalten.

Es werden vier „Bettelmeister“ bestellt.

  • Deren Hauptaufgabe ist die „gerechte Auswahl“ der „berufsmäßigen Bettler“.
  • Halbjährlich müssen sie die Inhaber der „Bettelzeichen“ - gemeinsam mit ihren Kindern - an einem Ort zusammenkommen lassen und prüfen, ob ihre Bedürftigkeit auch weiterhin besteht.
  • Für die Einhaltung der „Bettelordnung“ sind die „Bettelknechte“ verantwortlich.

Sie müssen vor ihrem Amtsantritt „geloben und schwören“, dass sie niemanden bevorzugen oder benachteiligen und dass sie sich nicht bestechen lassen.


1530

Suchbegriffe

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Weitere Ereignisse im Jahr 1530

1530

München * Die „Reichspolizeiordnung“ verbietet jeden „Beischlaf außerhalb der Ehe“.

Anno 1530

München * Der Rat der Stadt erlässt eine „Ordnung wider die Laster“, die sich vor allem gegen die „Winkelhurerey“ außerhalb des „Frauenhauses“ wendet.  

In dem Dekret heißt es:  
„Glaubhaften Berichten zufolge trieben etliche unverschämte Weibspersonen öffentlich innerhalb und außerhalb der Stadt, unter den Kramen am Marktplatz, in Ställen, in der Au etc., bei Tag und bei Nacht Unzucht“

1530

Untergiesing * Die Familie Rampoger besitzt die „Giesinger Mühle“.

24. Februar 1530

Vatican * Kaiser Carl V. gibt Papst Clemens VII. das Versprechen, „die lutherische Ketzerei in Deutschland mit Stumpf und Stil auszurotten“.

10. Juni 1530

München * Kaiser Carl V. hält sich vom 10. bis zum 14. Juni in München auf.

Der Besuch des Kaisers ist natürlich der gesellschaftliche Höhepunkt der Residenzstadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.  

Als sich am Freitag vor Pfingsten der ranghöchste deutsche Adelige in Begleitung seines Bruders, König Ferdinand von Böhmen, mehreren Herzögen, Mark- und Pfalzgrafen sowie geistlichen Würdenträgern, den Mauern der Stadt nähere, veranstalten die Münchner ein Riesenspektakel mit einer unglaublichen Prachtentfaltung.

Die kaiserliche Gefolgschaft wird kurz hinter Ramersdorf, auf einer „Lüften” genannten Schafweide, von einer festlich herausgeputzten Ritterschar begrüßt, die den Rahmen für ein „Manöverspiel“ bilden.

Wie der Historiker Sigmund Riezler in seiner „Baierischen Geschichte“ berichtet, ist hier „mit den herzoglichen Heerpaukern und Trompetern die Reiterei der Landsassen und Hofbeamten aufgestellt, 550 Pferde stark, darunter etwa 300 in vollständiger Rüstung, Blankharnisch, Armzeug, Knieköpfen, die Rosse mit Eisenstrinen, alle in roten Röcken mit dem herzoglichen Wappen auf dem Ärmel, eine buntschimmernde Masse, überragt von langen, schwarz und weiß bemalten Spießen mit schwarzen Fransen.
An den Anführern bewundert man damastene Röcke, goldene Ketten und vergoldete Waffen“
.

Jeder Reiter hat hinter sich einen Pagen, der ihm die Lanze und den Helm mit wallenden Federn trägt.
Ein alter Kriegsmann, der Ritter Dietrich von Knöringen, befehligt diese glänzende „cavalli alla borgognona“.

Um den „Empfangsplatz“ bilden einhundert Feldgeschütze - „Quartanen, Schlangen, Falkonetlein und Mörser“ - einen Halbkreis, wobei die Zuschauer ganz besonders eine achtzehn Fuß lange, hölzerne, mit Eisenringen umwickelte „Büchse“ interessiert.  
Diese haben baierische Truppen im Jahr 1525 vor Rastatt den „aufständischen Bauern“ abgenommen.

Der eigentliche Höhepunkt soll aber erst rund achthundert Meter weiter kommen, etwa an der Stelle des heutigen „Rosenheimer Platzes“.
Dort ist innerhalb von wenigen Tagen - fast nach „Hollywood-Manier“ - eine wehrhaft aussehende Burg mit vier Türmen und Bastionen aus Holz, Leinwand und Farbe errichtet worden.
Alles wirkt sehr realistisch.

In der Festung warten einhundert schwerbewaffnete Männer, bis die Gäste auf der Ehrentribüne Platz genommen haben.

Auf ein Zeichen Herzog Wilhelms IV. rücken die von Ramersdorf kommenden Angreifer heran und es kommt unausweichlich zur „Schlacht”, bei der sechzehnhundert Mann unter ohrenbetäubendem Kriegsgeschrei das Schloss stürmen.
Nachdem einige an die Mauern gelehnte „Sturmleitern“ von den Verteidigern der Burg umgestoßen worden sind und sich dabei die Angreifer und das nachdrängende Fußvolk etliche Blessuren zugezogen haben, „überkam beide Seiten eine große, unbändige Wut“, schreibt unser Zeitzeuge.

Und da es sich sowohl bei der Burgbesatzung als auch bei den Angreifern um „temperamentvolle, rauflustige und keine Schmähung duldende Altbaiern” handelt, wird aus dem zur Ergötzung des Kaisers veranstaltetem Scheingefecht sehr schnell blutigster Ernst.
Die „Manöver-Gegner“ dreschen derart rabiat aufeinander ein, dass am Ende acht Tote und eine unbekannte Zahl von Männern verletzt liegen bleibt.
Das wird von den Ehrengästen auf ihren Tribünen natürlich nicht bemerkt.

Immerhin erhalten die Getöteten ein Begräbnis auf dem „Salvatorfriedhof“ und deren Witwen und Waisen ein jährliches „Gnadengeschenk“ aus der landesherrlichen Privatschatulle.

Auf dem „Manöverfeld“ schießen die Angreifer die „Burg“ später schließlich noch in Trümmer und Fetzen.
Der Chronist vermerkt: „Mit ungeheuerem Krachen entluden sich alle Geschütze auf einmal”
Immerhin zeigt sich Kaiser Carl V. von dem „Manöver“ und der dabei gezeigten baierischen Kampfkraft mächtig beeindruckt. 

Nach der „Schlacht bei Haidhausen“ setzt sich der Zug wieder in Richtung München in Bewegung.

Als die hochgestellten Persönlichkeiten von der Stadt aus sichtbar werden,

  • beginnen alle Glocken Münchens zu läuten,
  • von den Türmen und Stadtmauern begrüßen „Freudenschüsse“ die Gäste,
  • von der „Isarbrücke“ aus gibt es ein „Fischerstechen“ zu sehen und
  • über dem „Isartor“ schwebt ein Ballon in Gestalt eines fliegenden Drachens.
  • Hoch in der Luft, noch über dem Ballon, werden weißblaue Fahnen mit dem baierischen Wappen sichtbar, die ein Taubenschwarm trägt.

Auf dem weiteren Weg können von den hochrangigen Gästen dann noch die damals so beliebten „lebenden Bilder” besichtigt werden. 
Sie stoßen auf um so größeres Interesse, je blutiger es dabei zugeht. 
Und die Münchner sollen an diesem Pfingstfreitag voll auf ihre Kosten kommen.  

Auf einer Bühne bei der „Hochbrücke im Tal“ sehen die Besucher die Geschichte der Königin Esther, die als Gemahlin des persischen Königs Xerxes ihren jüdischen Glaubensbrüdern zu blutiger Rache verhilft.

Das zweite Bild zeigt die „Skythenkönigin“ Tomiris, wie sie das abgeschlagene Haupt des Cyrus in einen Eimer voll Blut stößt.  
„Der Schauplatz bei den städtischen Fleischbänken war dafür nicht übel gewählt“, schreibt Sigmund Riezler lapidar dazu.

Auf der dritten Bühne - an der Burgstraße - lässt der Perserherrscher Kambyses einen ungerechten Richter schinden und mit dessen Haut einen Sessel polstern, auf den sich der Sohn des Bösewichts setzen muss, um als Nachfolger seines Vaters später einmal gerecht zu urteilen.

Andere Bilder zeigen das Herausreißen des Herzens aus einer geöffneten Brust durch einen „Wilden“ und ähnliche Grässlichkeiten, die aber durchwegs mit Wohlgefallen und Zustimmung aufgenommen werden.
Nur der Kaiser zeigt sich - nach Aussage eines Augenzeugen - „ein wenig befremdet ob des vielen Blutes”.  

Dem „päpstlichen Legaten“ Campeggi „schien es gut zu sein, Seiner Majestät zu sagen, dass die Szenen nicht ohne geheime Anspielung gemacht seien, und dass man sie auf die Ketzer beziehen könne, gegen welche man, wenn sie den von Seiner Majestät gebotenen Gottesfrieden nicht annehmen wollen, die eisernen Ruten brauchen werde“.

Am Abend brennen die Münchner Gastgeber auf dem „Schrannenplatz“ noch ein gewaltiges Feuerwerk ab, wobei man am Schluss ein aus Pappe und Stoff zusammengezimmertes, schlossähnliches Bauwerk den Flammen übereignet. 

Nach dem 11. Juni 1530

München * Die zweitälteste Stadtansicht von München wird von Hans Beham in Holz geschnitten.  

Im Vordergrund ist der Einzug Kaiser Carl V. mit seinem Heer dargestellt. 

11. Juni 1530

München * Das Programm für Kaiser Carl V. geht weiter.

Die Gäste und die Gastgeber pflegen das „Waidwerk“ und begeben sich zur „Hirschjagd“ auf die „Perlacher Haid“.
Mehr als einhundert Hirsche finden bei dieser „eingestellten Jagd“ den Tod.
Der „päpstliche Legat“ Campeggi würdigt das Abschlachten von zuvor eingefangenen Tieren später als „schönste Hirschjagd der Welt“.  

Danach gibt es im „Lusthaus im Hofgarten“ ein Menü.
„Um ein Uhr nachts“, nach dem 32. Gang, gibt der Kaiser das Zeichen zum Aufbrechen.
Man verlässt den „Hofgarten“, um anschließend am Tanz im „Rathaus“ teilzunehmen, wo „die schönsten Frauen des Landes bis gegen vier Uhr früh morgens im Reigen sich schwangen“.

Der siebzigtausend Gulden teuere Prunk und Glanz soll beim Habsburger Kaiser den Eindruck entstehen lassen, dass bei den Wittelsbachern kein Mangel besteht.

Das dazu notwendige Geld hat der Baiernherzog Wilhelm IV. ein Jahr zuvor dem Volk als „Türkenkriegssteuer” abgepresst. 

14. Juni 1530

München - Augsburg * Kaiser Carl V. und sein Gefolge verlassen München in Richtung Augsburg, wohin er einen „Reichstag“ einberufen hat.

Dort sollen die „Religionsparteien“ geeinigt werden, doch der Kaiser will „die lutherische Ketzerei in Deutschland mit Stumpf und Stil ausrotten“.
Denn genau dieses Versprechen hat er Papst Clemens VII. ja gegeben.


Verwendet in Führung:

03. Der Gasteig - Ein Stück Alt-München
06. Die nördliche Au



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