2017-02-26 1878 - Lehm, Ziegel, Ziegelei, Patroni, Akkordanten, Akkordlöhne, Italien, Stampadore, Muli, Reichsgewerbeordnung, Arbeitsschutz für Kinder und Frauen, Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot von körperlich schwerer Arbeit, Fabrikinspektor - in München-Geschichte


1878

Von den Arbeitsbedingungen der Ziegeleiarbeiter

Berg am Laim - Haidhausen - Bogenhausen * Da die „padroni“ jenseits der Alpen bei den „Akkordanten“ komplette Arbeitstrupps anheuern, stellen sie anfangs auch keine Geräte zur Verfügung.

Das bedeutet, dass die Italiener Schaufeln und Hacken schleppen und selbst Schubkarren und anderes Gerät über die Alpen schieben müssen.

An ihrem Arbeitsplatz in München angelangt, liegt ihnen ausschließlich daran, durch möglichst viel Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen.
Durch das Bezahlen von „Akkordlöhnen“ entziehen sich die Italiener den Kontrollen, die man zur überwachung der gesetzlichen Vorgaben eingeführt hat.

Frauen und Kinder übernehmen die körperlich weniger schweren Tätigkeiten.
Manchmal bilden Familien ein Team, mit dem „stampadore“ an der Spitze.
Frau und Kinder haben ihm zuzuarbeiten und je besser die einzelnen Arbeitsschritte koordiniert sind, desto besser ist auch das Gesamtergebnis. 

Schon zehnjährige Buben verdingen sich als Handlanger.
Die „mulis“ stehen an der untersten Stelle der Hierarchie, haben den Mund zu halten und müssen einfach funktionieren.

Zwar sieht die „Reichsgewerbsordnung“ aus dem Jahr 1878 Bestimmungen zum „Arbeitsschutz für Kinder und Frauen“ vor, so eine „Beschränkung der Arbeitszeit“ sowie das „Verbot von körperlich schwerer Arbeit“.
Doch die Verordnung wird in der Praxis unterlaufen und die Strafen sind so lächerlich niedrig, dass sie wirkungslos bleiben.

Wenn kontrolliert wird, dann, so ein resignierter Fabrikinspektor, „[...] braucht sich der Jugendliche nur neben der [Arbeits-]Bank auf den Boden zu setzen, um Jedermann ad oculos zu demonstrieren, daß er seine Ruhepause in echt italienischer Weise feiert“.


1878

Suchbegriffe

Lehm, Ziegel, Ziegelei, Patroni, Akkordanten, Akkordlöhne, Italien, Stampadore, Muli, Reichsgewerbeordnung, Arbeitsschutz für Kinder und Frauen, Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot von körperlich schwerer Arbeit, Fabrikinspektor,

Weitere Ereignisse im Jahr 1878

1878

München * Um die polizeilichen Unfreundlichkeiten und Schikanen gegenüber den Radfahrern abzumildern, lädt der Münchner „Velo-Club“ den „königlichen Polizeidirektor“ zum „Faschingsball“ ein.

Durch gutes Zureden - bei Kaviar und Champagner - erreichen die „Radlnarrischen“ schließlich eine bessere Grundstimmung der Polizei gegenüber ihren Interessen.

1878

Graggenau * Erstaufführung von Richard Wagners Opern „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ sowie die erste vollständige Aufführung des „Ring der Nibelungen“ im Münchner „Hof- und Nationaltheater“.

1878

Haidhausen * Die „Wolfgang-Kapelle“ in Haidhausen wird abgerissen.

1878

Kreuzviertel * Das „Gasteiger-Brunnhaus“ nördlich des „Neuhauser Tores“ wird aufgelassen.

An seiner Stelle entsteht ab 1896 das „Künstlerhaus“.

Ab dem Jahr 1878

Haidhausen * Von 1878 bis 1889 fährt die „Pferde-Trambahn“ über den Weißenburger Platz. 

1878

Gotha * In Gotha entsteht Deutschlands erste „Leichenverbrennungsanlage“.  

Der Münchner Magistrat befragt daraufhin die drei „Religionsgemeinschaften“ über Einwände gegen die „Feuerbestattung“.  

Während die „Israelitische Kultusgemeinde“ keinerlei Einwand sieht und das „protestantische Stadtpfarramt“ Änderungen des Ritus für unnötig erachtet, lehnt das „katholische Stadtpfarramt“ die „Leichenverbrennung“ kategorisch ab.  

Fürsprecher findet diese Bestattungsform bei den Sozialdemokraten.  
Sie fordern eine allgemeine Einführung der „Feuerbestattung“ als einzige Möglichkeit, Chancengleichheit zu gewähren, da mit der „Leichenverbrennung“ endlich die „Klassenbegräbnisse“ hinfällig werden würden.  

Ab 1878

Maxvorstadt * Franz Stuck besucht die „Kunstgewerbeschule“ in München bei Ferdinand Barth. 

1878

Lehel - Isarvorstadt * Der ursprünglich am „Isartor“ gelegene „Heumarkt“ wird an den „Städtischen Schlachthof“ an der Kapuzinerstraße verlegt.

1878

Obergiesing * Die „Heilig-Kreuz-Kirche“ besitzt zwei bemerkenswerte Nebenaltäre: den „Marienaltar“ und den „Josephsaltar“.

Das Programm des „Marienaltars“ wird im Rahmen einer Altarstiftung zum Tode des Papstes Pius IX. festgelegt.
Es geht hierbei um den Kampf der katholischen Kirche um Macht und Einfluss im Verhältnis zu den Staaten und zur eigenen Anhängerschaft.

1878

München * Jede Beschäftigung von Kindern unter 12 Jahren wird untersagt.

1878

München * Der „Münchner Velociped-Klub“ führt in den kommenden Jahren immer wieder Rennen in den „Isarauen“ durch, hat allerdings das Problem, dass sie tagsüber verboten sind und die Obrigkeit nichts davon erfahren darf.

So auch anno 1878, als die Fahrer in der vorletzten Runde „von der bewaffneten Macht, die von der Veranstaltung Wind bekommen hatte, mit donnerndem Halt zum Absitzen gezwungen wurden“.

Der Attraktivität des neuen Sports schadeten diese Maßnahmen in keinster Weise.
Auch wenn die Rennen wegen der Verbote in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden verlegt werden mussten, war das Publikumsinteresse am „Reiten auf den Velocipeden“ riesengroß.

Schon deshalb erlebt die Stadt seither ständig neue radsportliche Höhepunkte.
Die ehrgeizigen Münchner „Velo-Clubs“ verfügen immer über die besten und schnellsten Rennbahnen.

Ab dem Jahr 1878

Haidhausen - Au * In der Zeit von 1878 bis 1880 wird das Streckennetz des „Stadtomnibuses“ auch auf Haidhausen und zum „Mariahilfplatz“ ausgeweitet.  

Die Betriebszeit ist „von 7:30 Uhr morgens bis 7:30 Uhr abends“.  

Die klassische „Linie 1“ verkehrt alle sechs Minuten, die anderen Linien in einem zeitlichen Abstand von zwölf Minuten.  
Der „Fahrpreis“ ist inzwischen auf zehn Pfennige festgelegt worden. 

1878

Berlin * In einer „Reichspolizeiverordnung“ wird festgelegt, dass jeder Vortrag in einem „Tingeltangel“ polizeilich genehmigt werden muss, dass diese Genehmigung nur für ein bestimmtes Lokal gilt und dass die Erlaubnis zudem zurückgezogen werden kann.

Außerdem wird die Aufführung von Dramen, Lustspielen, Possen, Opern, Operetten, Sing- und Liederspielen, Tänzen und Balletts als unzulässig erklärt.
Nur Gesangs- und Deklamationsstücke mit einer Besetzung von höchstens zwei Personen sind erlaubt.

Die vortragenden Personen dürfen aber nur in bürgerlicher Kleidung (Gesellschaftsanzug) auf der Bühne erscheinen.
Alle Vorträge im Kostüm sind verboten.
Als Ausnahme wird der Auftritt im „wirklichen Nationalkostüm“ (Tracht) genehmigt.

Auch Kulissen, Vorhänge und jede Art von Requisiten werden von der Bühne verbannt.  

Außerdem durften die vorgetragenen Gesangs- und Deklamationsstücke in Inhalt und Vortragsweise nicht gegen die Religion, die Sittlichkeit, die staatlichen Einrichtungen, den öffentlichen Anstand und die öffentliche Ordnung verstoßen.

Die Vorträge dürfen frühestens um 18 Uhr beginnen und müssen spätestens um 23 Uhr beendet sein.

1878

Ludwigsvorstadt * Der Schriftsteller Karl Theodor von Perfall entdeckt im „Thalia-Theater“ im „Grünen Hof“ in der Bayerstraße 16a einen „Ort der Halbwelt mit Lebemännern und Prostituierten in den Logen“, die sich an „leichtgeschürzten Offenbachiaden“ erfreuen.

28. Februar 1878

München * Joseph Schülein ist - gemeinsam mit Gustav und Jakob Schülein - Miteigentümer eines Unternehmens für „Bank- und Wechselgeschäfte“, das beispielsweise bei der Finanzierung des Münchner „Vieh- und Schlachthofes“ mitwirkt.

16. März 1878

München * König Ludwig II. entmündigt seinen Bruder Prinz Otto. 

16. März 1878

München * Prinz Ottos ärztliche Überwachung und Betreuung wird intensiviert. 

6. April 1878

Berlin * Erich Mühsam wird in Berlin geboren. 

Ab Mai 1878

Schloss Herrenchiemsee * Georg von Dollmann wirkt bei den Planungen für „Schloss Herrenchiemsee“ mit.

21. Mai 1878

Schloss Herrenchiemsee * Der Grundstein für das neue „Schloss Herrenchiemsee“ wird gelegt. 

13. Juni 1878

Berlin * In Berlin beginnt unter der Führung des „Reichskanzlers“ Otto von Bismarck ein Kongress, der die „Balkankrise“ beenden und eine neue „Friedensordnung für Südosteuropa“ aushandeln soll.

Der „Berliner Kongress“ endet am 13. Juli mit dem „Berliner Vertrag“

13. Juli 1878

Berlin * Der „Berliner Kongress“ endet mit dem „Berliner Vertrag“, in dem die bisherigen türkischen Provinzen „Bosnien“ und „Herzegowina“ dem Habsburgerreich zur „Okkupation“ überlassen wird. 

September 1878

Theresienwiese * Ein „anatomisch und ethnologisches Wachsfigurenkabinett“ zeigt unappetitliche Krankheitssymptome.

Diese „unsittliche Zurschaustellung“ erregt die Öffentlichkeit.

5. Oktober 1878

Isarvorstadt * Die Singspielhalle „Kil's Colosseum“ erhält die „Konzession für Singspielhallen und Café chantants“.

Sie wird in Bezug zum „Bayerischen Polizei-Strafgesetzbuch“ vom 16. Dezember 1871 gestellt, in dem festgelegt ist: „das sogenannte Chansonetten-Kostüm selbst in der abgeschwächten Form des kurzen ausgeschnittenen Kleides mit kurzen Ärmeln und mit Trikot ist verboten.

Die Chansonetten und Coupletsängerinnen dürfen nur in langem Gesellschaftskleide auftreten.
Nur das National-Costüm von echten National-Sängern ist von den Bestimmungen [...] ausgenommen“
.

Um den 18. Oktober 1878

Schloss Schleißheim * Prinz Otto wird in „Schloss Schleißheim“ untergebracht. 

21. Oktober 1878

Berlin - Au * Da die Zahl der Anhänger der „sozialistischen Arbeiterbewegung“ ständig wächst und von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilt, setzt Reichskanzler Otto von Bismarck das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ in Kraft.

Davon unabhängig fördern die Bischöfe die katholischen Werktätigen finanziell und ideell mit der Organisation von Arbeitervereinen, darunter den „Katholischen Arbeiterbund“ und dem „Kolpingverein“.
Auch die „Josephshäuser“ in der Hochstraße zeugen von diesen Aktivitaten.

Während es den sozialdemokratischen Arbeitervertretungen um eine harte Vertretung der Arbeitnehmerinteressen gegenüber den Unternehmern und dem Staat geht, ist das oberste Ziel der katholischen Arbeitervereine die „christliche Lebensführung der Arbeiterfamilien“ und die Förderung sowie den Erhalt von „Religion und Sittlichkeit bei den Arbeitern“.

28. Oktober 1878

Berlin * Der „Reichstag“ verabschiedet mit den Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen das „Gesetz zur Bekämpfung der gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“.

Es gilt bis 1890.


Verwendet in Führung:

01. Haidhausen - Bauern, Adel und Tagelöhner
02. Haidhausen - dort wo's bogenhauserisch ist
08. Bogenhausen
22. Berg am Laim - West
27. Typisch München
44. Ramersdorf



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