29. Juli 1600

Die Delinquenten werden in Ketten zum „Schrannenplatz“ geführt

Graggenau * Am Morgen führt eine Delegation von berittenen Amtmännern, zwei Priestern und bewaffneten Soldaten die Delinquenten in Ketten vom „Falkenturm“ zum „Schrannenplatz“, dem heutigen „Marienplatz“, zum „Malefizrechtstag“.

Der gerade elf Jahre alt gewordene Hansel muss beim „Bußamtmann“ der Stadt München auf dem Pferd mitreiten und alles mit ansehen.

Eine geifernde Menschenmenge wartet vor dem „Rathaus“ und hofft auf eine spektakuläre Hinrichtung der Pämbs und ihrer Leidensgenossen.
Obwohl der Herzog den Prozess führt, muss die Stadt München den Schauprozess und die Hinrichtung ausrichten.  

Als der „Bannrichter“ Christoph Neuchinger schließlich die „Todesurteile“ verkündet, wollen die Jubelschreie der Münchner kein Ende nehmen. 


1600

Suchbegriffe

Hexenverfolgung, Hexen, Pappenheimer-Prozess, Falkenturm, Schrannenplatz, Marienplatz, Malefizrechtstag, Altes Rathaus, Todesurteile,

Personen

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Weitere Ereignisse im Jahr 1600

1600

München * Mit 74 bürgerlichen Brauereien - plus 6 Klosterbrauereien - erreicht man den Höchststand in der Geschichte Münchens.

Ab 1600

Au * Die durchgeführte vollständige Erneuerung des „Isarberg-Brunnhauses“ verschlingt über 5.000 Gulden.

Um das Jahr 1600

München * Unter Herzog Maximilian I. wird erstmals nach den Ursachen der „Armut“ gefragt.

Folgende Erkenntnisse fassen die Untersucher zusammen:
Verantwortlich für die „Armut“ ist

  • die „Überbevölkerung der Städte“,
  • die „Überbesetzung der Zünfte und Gewerbe“,
  • die allzu großen „Freiheiten des Handels“,
  • die „Vernachlässigung der Polizeigewalt“ und
  • der „Verfall der Religion und der Sitten“.

Das Ergebnis ist die Einführung restriktiver Maßnahmen.
Dazu gehören unter anderem „Zuzugsbeschränkungen“ sowie „Festnahmen und Einkerkerung von Bettlern und Vagabunden“.

Februar 1600

Altmannstein * Die Familie Pämb lebt beim Kleinbauern Ulrich Schölz bei Riedenburg.

Da taucht der Amtmann von Altmannstein auf und verhaftet die komplette Familie bis auf den inzwischen zehnjährigen Hansel, der bei den Bauersleuten zurückbleibt.
Ein verurteilter, inzwischen in Wörth an der Isar hingerichteter Dieb namens Geindl hat die beiden Pämb-Brüder Michael und Gumpprecht als angebliche Komplizen angeschwärzt.

Schnell kann der wahre Hintergrund aufgeklärt werden.
Geindl und Michael Pämb haben sich einmal geschlägert, wobei Geindl unterlegen ist.
Wutentbrannt hat der Dieb danach geschworen, er werde es den Pämbs schon noch heimzahlen.

Der Amtmann sieht ein, dass die Denunziation wohl nur ein Racheakt gewesen war, schickte das Protokoll nach München und wartet auf die Nachricht, dass die Familie freizulassen sei. 

März 1600

Altmannstein * Die aus München kommende Antwort ordnet die „hochnotpeinliche Befragung“ der Familie Pämb an.

Unter der „Tortur“ der „Folterknechte“ gestehen die 59-jährige Anna, der 57-jährige Paulus und die Söhne Michael [20] sowie Gumpprecht [22] jede Menge Diebstähle, Brandstiftungen und Raubüberfälle.
Michael und Gumpprecht bekennen sich zudem, „Hexer“ zu sein.

So wirr, unlogisch und widersprüchlich die unter der „Folter“ erpressten „Geständnisse“ auch sind, der Altmannsteiner Amtmann verständigt daraufhin umgehend den „Hofrat“ in München. 

16. April 1600

Altmannstein - München * Die Familie Pämb nach München überführt und im „Falkenturm“ eingekerkert.

Die Männer kommen in einzelne, „Keuchen“ genannte Zellen.
Nur Hansel durfte bei seiner Mutter bleiben.

Nun beginnt der sogenannte „Pappenheimer-Prozess“

17. April 1600

Graggenau * Eine vierköpfige Kommission untersucht die „Landfahrerfamilie“ Pämb.

Auf Wunsch von Herzog Maximilian I. soll zunächst geprüft werden, ob sich die Familie tatsächlich für ein öffentlichkeitswirksames Exempel eignet.

Die Kommission scheint zufrieden.
Denn vor ihnen stehen zwei alte, ausgezehrte Menschen und zwei Burschen, die alle vier bereits durch die „Folter“ gezeichnet sind, dazu ein zehnjähriges Kind.

Sie sind davon überzeugt: diesen Delinquenten kann man alles mögliche andichten, auch eine „Teufelsanbetung“.
Begeistert erstattet man dem Herzog davon Bericht.

Den „Hexen-Prozess“ leitet der „Hofratskommissar“ Dr. Johann Simon Wagnereckh.
Zunächst befragt er den kleinen Hansel.  

Mit anwesend sind dabei die „Hofräte“ Jacob Hainmüller und Ernst von Roming, ein „Schreiber“ sowie der „Eisenmeister“ Sebastian Georg, der zugleich der Verwalter des „Falkenturms“ und oberster „Folterknecht“ ist.

Zunächst soll Hansel nur sagen, ob seine Brüder jemals „abgeschnittene Kinderhände“ mit sich geführt hätten.
Schockiert schüttelt Hansel den Kopf und gab damit das Zeichen für die „Folterknechte“.

Nach der „Tortur“ gesteht der Zehnjährige alles, was man ihm an Unterstellungen über seine Brüder eingeredet hat.
Ja, sie haben Kindern die Hände abgeschnitten,
ja, sie haben Schwangere ermordet, um an die Hände der Ungeborenen zu kommen.
„Ja“, immer wieder „ja“

19. April 1600

Graggenau * Die „Inquisitoren“ nehmen sich den Vater Paulus Pämb vor.

Er kommt an den „Wippgalgen“, bei dem man an nach hinten gestreckten Armen und einem Gewicht an den Füßen hochgezogen wird.
Auch sein Widerstand bricht schnell und er bestätigt jede nur mögliche Grausamkeit, die man ihm und seinen erwachsenen Söhnen unterstellt.

Die „Verhandlungsführer“ gehen immer nach dem gleichen Muster vor.
Die gewünschten Antworten werden quasi vorformuliert und müssen von dem Opfer nur noch bestätigt werden.

Was dann im „Geständnis“ steht, ist also in der Regel der „Phantasie der Befrager“ entsprungen.

23. April 1600

Wien * Maria Anna, die Schwester von Herzog Maximilian I., wird mit Erzherzog Ferdinand II. von Innerösterreich, dem späteren Kaiser, verheiratet.

Um den 24. April 1600

Graggenau * Nach dem Vater muss Michael in den „Wippgalgen“.

Doch der Bursche hält länger durch als sein Vater.
Erst als man ihn zusätzlich mit einer brennenden Fackel unter den Achseln foltert, ist auch sein Wille gebrochen.

Er bestätigt, dass er „Kinderhände“ zum Zaubern genutzt hat, gesteht Morde, Brandstiftungen, Einbrüche, Raubzüge und alle sonstigen Verbrechen, die man ihm suggeriert.
Die Mutter habe ihm das „Hexen“ beigebracht.

Bei seinem älteren Bruder Gumpprecht erzwingen die „Folterknechte“ die Bestätigung für alles sowie weitere Gräueltaten. 

28. April 1600

Graggenau * Zuletzt widmen sich „Hofkommissar“ Dr. Johann Simon Wagnereckh und die „Hofräte“ Hainmüller und Roming der betagten Mutter Anna.

Bei ihr fragt man nicht erst nach Morden oder anderen Verbrechen, sondern widmet sich gleich dem schlimmsten aller Verbrechen: der „Hexerei und Teufelsanbetung“.

Dabei steht gar nicht zur Frage, ob sie eine „Hexe“ sei.
Das wird als Tatsache vorausgesetzt.

Die gemarterte Frau erfindet äußerst wilde Geschichten von der alten „Zieglerin“ und dem Knecht, der der „Satan“ gewesen sei, um den Qualen endlich ein Ende zu bereiten.

Insgesamt gibt Anna Pämb zu, dass sie 100 Kinder und 19 alte Menschen mit ihren „Zauberkünsten“ brutal ermordet habe.  
Ferner nennt sie rund 400 weitere Personen, die ebenfalls „Hexerei“ betreiben. 

Um den 30. April 1600

Graggenau * Einige Tage nach ihrem „Folterverhör“, nachdem sich die alte „Pämbin“ wieder ein wenig erholt hat, widerruft sie ihre Aussage.

Der Widerruf führt sie jedoch direkt zurück in die „Folterkammer“, wo sie erneut alles zugibt, was ihr die „Inquisitoren“ des Herzogs Maximilian I. unterstellen. 

Mai 1600

Graggenau * Unter der „Tortur“ bezichtigen die Pämbs auch die Familie des Klostermüllers aus dem niederbaierischen Tettenwang der „Hexerei“.

Der Klostermüller, seine Frau Anna und beider Tochter Agnes, später auch Ursula genannt, sowie weitere Bekannte der Pämbs werden umgehend verhaftet, nach München gebracht und dort so lange gefoltert, bis auch sie grauenhafte, hexerische Untaten gestehen.

Dabei hatte der Klostermüller von Tettenwang den Pämbs lediglich geholfen und den fahrenden Bettlern Unterkunft und Essen gewährt. 

Mai 1600

Graggenau * Zur Erpressung von „Geständnissen“ unter der Anwendung der „Folter“ gehört auch das Denunzieren von Mitmenschen als „Hexen, Zauberer“ und „Teufelsbündler“.

Es war deshalb nicht verwunderlich, dass bei Erreichen des Höhepunkts der „Hexenverfolgung“ im Herzogtum Baiern der „Falkenturm“ bald überfüllt ist und aus diesem Grund ein „Stadtmauerturm“, unmittelbar neben der „Alten Münze“, als zusätzlicher „Hexenturm“ eingerichtet werden muss. 

Mai 1600

Graggenau * Paulus, Michael und Gumpprecht bestätigen im Lauf der nächsten Wochen, selbst „Hexer“ zu sein, den Teufel anzubeten und grässliche Verbrechen, die sie durch „Zauberei“ begangen haben.

Paulus Pämb hat im „Dienst des Teufels“ 44 Morde begangen.
Gumpprecht hat sogar 54 Menschen auf seinem jungen Gewissen und als ganz besonders blutrünstig erweist sich Michael mit 103 Morden.

Dass die über 300-fachen Mörder außerdem unzählige „Schadenzauber“, Diebstähle und Brandstiftungen begangen haben, spielt da kaum noch eine Rolle.

Aufgrund der „Denunziation“ werden zwei ihrer skrupellosen Gefährten verhaftet und mit den Pämbs vor Gericht gestellt: der Bauer Ulrich Schölz sowie ein Schneider namens Georg Schmälzl, die ebenfalls „gefoltert“ und zu „Geständnissen“ gezwungen werden.

Einzig den kleinen Hansel verschont man mit weiteren „Folterungen“

26. Juli 1600

München * Die „Hofkommissare“ unter der Leitung von Dr. Johann Simon Wagnereckh fällen ihr Urteil.

Nachdem sie es ausformuliert haben, begeben sie sich in den „Falkenturm“, wo sie den „Malifikanten“ die „Geständnisse“ vorlesen.

Es ist üblich, den Delinquenten drei Tage vor der „Hinrichtung“ diese sogenannten „Urgichten“ noch einmal zur Kenntnis zu geben, damit sie die Gelegenheit zur Korrektur haben und eventuell „Denunziationen“ zu widerrufen.

Aus panischer Angst vor weiteren „Folterungen“ verzichten die Pämbs und ihre Mitangeklagten darauf, den „Urgichten“ zu widersprechen.

Danach gewährt man ihnen eine „Henkersmahlzeit“, die auch gebratenes Fleisch und Wein umfasst. 

29. Juli 1600

München * Nun demonstriert die herzogliche Justiz ihre unvorstellbare Bestialität.

Noch auf der Freitreppe des „Rathauses“ reißen der „Henker“ und seine Helfer den Männern mit glühenden Zangen jeweils sechs Fleischstücke aus den Armen und dem Oberkörper.

Danach schneidet man Anna Pämb die Brüste ab und schmiert sie ihr und den beiden Söhnen dreimal „umb das Maul“, mit dem Hinweis, dass aus diesen Brüsten solche abscheuliche Bubenstücke „gesogen“ wurden.

Schließlich verfrachtet man die Schwerstverwundeten auf zwei „Schandkarren“, um sie zum „Galgenberg“ zu bringen, der vor den Toren der Stadt liegt, etwa an der Stelle, an der heute die „Hackerbrücke“ auf die Landsberger Straße trifft.

Tausende Schaulustige begleiten die Wagen, Hansel Pämb reitet auf dem Pferd des „Bußamtmanns“ mit. 

29. Juli 1600

Ludwigsvorstadt * Am „Galgenberg“ werden die fünf Männer „gerädert“.

Dazu bindet  man die „Malefikanten“ auf ein scharfkantiges Balkengerüst und zerschmettert ihnen mit einem eisenbeschlagenen „Richtrad“ die Gliedmaßen.

Für gewöhnlich beginnt diese Bestialität bei den Unterschenkeln.
Die Zahl und der Rhythmus der Schläge sowie die Reihenfolge der Gliedmaßen sind genau vorgeschrieben.

Paulus Pämb wird nun zusätzlich „gespießt“.
Der „Henker“ rammt ihm einen kurzen „Jagdspieß“ durch den After in den Unterleib.

Der letzte Akt der „Justizwillkür“ im Namen des Herzogs Maximilian I. ist der „Feuertod“.
Man zerrt die Pämbs und ihre Bekannten zu ihren „Scheiterhaufen“, bindet sie an - Anna setzt man dabei auf einen Stuhl- und verbrennt die „Teufelsbrut“ lebendig und „unter jämmerlichem Geschrei“

29. Juli 1600

Graggenau - Ludwigsvorstadt * Das wohl mit weitem Abstand Verabscheuungswürdigste der Hinrichtung aber ist, dass der inzwischen elfjährige Hansel Pämb, auf dem Pferd des „Bußamtmanns“ sitzend, der qualvollen Hinrichtung seiner Eltern und Brüder beiwohnen muss.

Doch auch dem Kind bleibt der spätere „Feuertod“ nicht erspart, da Hansel ja schon „im Mutterleibe dem Teufel geweiht und an seiner Stelle ein anderes gestohlenes Kind getauft worden sei“

11. August 1600

Graggenau * Die zwanzigjährige Agnes Klostermüller wird elfmal „aufgezogen“, davon zehnmal belastet mit einem fünfzig Pfund schweren Stein.

Das Mädchen bleibt standhaft, obwohl ihm alle Glieder zerrissen werden.
Nichts, außer der Beteuerung ihrer Unschuld, ist aus ihr herauszubringen.

Vor dem Beginn der „Folter“ spricht „Hofrat“ Dr. Johann Simon Wagnereckh lateinische Verse und Psalme über sie, um sie zu „entzaubern“

Da hier der Name Jesus vorkommt, sagt Agnes Klostermüller: „sie wolle diesen Jesus nit [in dessen Namen man Unschuldige martert] sondern wolle den haben, der sie erschaffen und für sie am Stamme des Kreuzes gelitten“.

Nach der „Folter“ lässt man Agnes für etwa zehn Wochen in Ruhe. 

20. Oktober 1600

Graggenau * Agnes Klostermüller wird erneut zur „Tortur“ geschleppt.

Dann, nach viermaligen „Aufziehen“ ist ihre Kraft endgültig gebrochen.

24. Oktober 1600

Graggenau * Ein „Selbstmordversuch“ der eingesperrten und gefolterten Agnes Klostermüller scheitert.

Gebrochen und verzweifelt erzählt sie nun alles, was man von ihr hören will: 

  • „Sie habe eine Menge Kinder umgebracht,
  • habe an dreißig Herzlein [von Kindern] gegessen,
  • habe acht alte Leute durch Bestreichen mit der Salbe getötet,
  • sei ausgefahren, besonders zu Brunn im Schloss in den Keller, wo sie guten Wein getrunken.
  • Des Edelmanns Weib dort habe sie‚erkrümbt‘. 
  • Sie habe an 20 Rinder gefällt, vielen Kühen die Milch benommen, fünf Wetter [...] gemacht“
13. November 1600

Vatican * Papst Clemens VIII. teilt den „Karmeliter-Orden“ in zwei selbstständige „Kongregationen“ auf.

  • In eine Spanische, die für die Länder der spanischen Krone, also Spanien, Portugal und Mexiko, zuständig ist.
  • Und in eine Italienische, die sich in der übrigen Welt ausbreiten soll.
26. November 1600

Ludwigsvorstadt * Die „Scheiterhaufen“ lodern auf dem Münchner „Galgenberg“ erneut.

Diesmal befindet sich neben der Agnes Klostermüller und ihrer Mutter Anna, der „Weber“ Hans Stumpf, „Glashansl“ genannt, und der „Brotträger“ Augustin Baumann.
Auch der elfjährige Hansel Pämb wird dem Feuer übergeben.

Der alte Klostermüller stirbt noch im „Falkenturm“.
Es ist ungewiss, ob an den Qualen der „Folter“ oder durch einen „Selbstmord“


Verwendet in Führung:

11. Münchner Zeitensprünge
21. Berg am Laim - Ost
23. Maximilianstraße
29. Graggenau



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